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Wenn Böden veröden und 700 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen müssen

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Vertrocknete Bäume in Wüste vor Sanddüne Vor allem die intensive Landwirtschaft führt zu einer massiven Minderung der Fruchtbarkeit - immer mehr Böden verwüsten |  Bild: © Ralph Kränzlein [CC BY-NC-ND 2.0]  - Flickr

Vor allem die intensive Landwirtschaft führt zu einer massiven Minderung der Fruchtbarkeit - immer mehr Böden verwüsten | Bild: © Ralph Kränzlein [CC BY-NC-ND 2.0] - Flickr

Wenn Böden veröden und 700 Millionen Menschen ihre Heimat verlassen müssen

Am 17. Juni war der Internationale Tag gegen Wüstenbildung. Als „eine der größten vergessenen Krisen unserer Zeit“ bezeichnete dabei Entwicklungsminister Gerd Müller den Verlust von Böden. Der Fachbegriff dafür – Desertifikation – bezeichnet den Prozess, wenn aus fruchtbarem Land unfruchtbares wird, also eine Wüste entsteht. 1) BMZ: Lebensgrundlagen erhalten – Minister Müller zum Internationalen Tag gegen Wüstenbildung: „Verlust von Böden ist eine der größten vergessenen Krisen unserer Zeit“; Pressemitteilung vom 14.06.2019

Die UN hatte im Jahr 2010 die „Dekade für Wüsten und die Bekämpfung der Wüstenbildung“ ausgerufen. Diese Dekade ist in einem halben Jahr vorbei – und das Problem größer als je zuvor. Rund 1,5 Milliarden Menschen sind direkt davon betroffen. Die Ergebnisse des 2018 veröffentlichten Weltatlas zur Desertifikation sind schockierend. Weltweit sind bereits 75 Prozent der nutzbaren Landfläche durch Übernutzung, Erosion, Versalzung oder Austrocknung degradiert, das heißt, die Fruchtbarkeit hat dort massiv abgenommen. Wird dem nicht entgegen gesteuert, prognostizieren die Forscher für 2050 eine Degradierung von 90 Prozent. Bereits jetzt geht dabei jedes Jahr weltweit eine Fläche von 4,18 Millionen Quadratkilometern verloren – das ist so viel wie die halbe EU. 2) GIZ und Sektorvorhaben BoDeN: Desertifikation; Stand vom 26.06.2019 3) Scinexx: Landflächen – Drei Viertel sind degradiert; Artikel vom 25.06.2018 4) DW: Bodenerosion wird zur globalen Gefahr; Artikel vom 17.06.2017

Der Hauptgrund für die stark ansteigende Desertifikation ist die intensive Landwirtschaft. Überweidung mit zu vielen Tieren führt dazu, dass kein Gras mehr nachwachsen kann und nicht angepasster Ackerbau führt zu Erosionen. Monokulturen entziehen dem Boden schnell alle Nährstoffe. Falsche Bewässerung führt zu Versalzung. Chemische Dünger, Pestizide sowie der Einsatz von Maschinen, die den Boden zusammenpressen – man spricht von Verdichtung – sind verantwortlich für immer weniger Leben in der Bodenschicht und somit immer weniger Fruchtbarkeit. Der Teufelskreislauf geht weiter, wenn auf der Suche nach neuen Anbauflächen schließlich Wälder gerodet werden, diese aber ebenso wenig nachhaltig bewirtschaftet werden und schließlich auch verwüsten. 5) DW: Bodenerosion wird zur globalen Gefahr; Artikel vom 17.06.2017 6) Simplyscience: Desertifikation – Die Wüste wächst; 15.06.2016

Verstärkt durch die vermehrten Wetterextreme des Klimawandels kommt es beispielsweise zu lang anhaltenden, verheerenden Dürren wie der Dürrekatastrophe 2018 in Äthiopien. Dabei treibt nicht nur der Klimawandel die Knappheit fruchtbaren Bodens an, zusätzlich trägt die Schädigung des Bodens sogar zum Klimawandel bei. Böden sind nach den Ozeanen die größten Kohlenstoffspeicher der Erde, sodass durch ihre Zerstörung Kohlenstoff freigesetzt und die Erderwärmung beschleunigt wird. Intakte Böden dienen außerdem als Regenwasserfilter. Mit der Desertifikation gehen somit der Verlust jeglicher Lebensgrundlagen und eine der wichtigsten natürlichen Ressourcen einher. 7)BMZ: Wir verlieren an Boden; Stand vom 26.06.2019

Von der Desertifikation besonders betroffen sind Indien, China und das Afrika südlich der Sahara – dort könnten sich die Ernteerträge bis 2050 sogar halbieren. Bei einer wachsenden Erdbevölkerung bedeutet die Verringerung der Ernte, dass Hunger und Verzweiflung immer größer werden. Welche andere Möglichkeit bleibt den Menschen dann, als ihre Heimat zu verlassen? Die Wissenschaftler schätzen, dass bis 2050 etwa 700 Millionen Menschen aufgrund der Bodendegradation fliehen müssen. 8) Scinexx: Landflächen: Drei Viertel sind degradiert; Artikel vom 25.06.2018

„Fruchtbare Böden sind die Grundlage allen menschlichen Lebens – doch allein in Afrika sind zwei Drittel der Ackerböden bedroht und damit die Lebensgrundlage für Millionen von Kleinbauern“, betont Gerd Müller. Wenn diese Lebensgrundlage entzogen wird, beginnen die Betroffenen auszuwandern, meistens zunächst in nahe gelegene Städte – erst wenn dort keine Besserung in Sicht ist, werden weitere Strecken in Betracht gezogen. Die Landflucht führt zu einem Anwachsen der Städte und somit zu noch mehr Versiegelung von Flächen. Armut und Nahrungsmittelknappheit nähren Krankheiten und Konflikte in den Städten; der Ressourcenkampf um die immer knapper werdenden fruchtbaren Flächen führt zu Konflikten auf dem Land. Die Folgen bleiben jedoch nicht südlich der Sahara – Klimawandel, Konflikte und massive Migrationswellen werden global zu spüren sein. 9) BMZ: Wir verlieren an Boden; Stand vom 26.06.2019 10) BMZ: Lebensgrundlagen erhalten – Minister Müller zum Internationalen Tag gegen Wüstenbildung: „Verlust von Böden ist eine der größten vergessenen Krisen unserer Zeit“; Pressemitteilung vom 14.06.2019  11) DW: „Wir können das Klimaflüchtlingsproblem lösen“; Artikel vom 20.06.2018

Inwiefern sind wir involviert? Abgesehen davon, dass es auch in Europa zu Desertifikation kommt – beispielsweise in Spanien – hat vor allem unser Konsumverhalten direkte Auswirkungen auf die Übernutzung der Böden in den Ländern des Südens. Viele landwirtschaftliche Produkte werden für den Export nach Europa produziert – was mit dem Boden und den Menschen dort passiert, interessiert die meisten Unternehmen sehr wenig. Experte Jes Weigelt vom Institut für Nachhaltigkeitsstudien (IASS) in Potsdam nennt beispielsweise die Baumwoll- oder Sojafutterimporte, die abhängig von unseren Konsumentscheidungen bei Kleidung oder Fleisch sind. Baumwoll- oder Avocadoplantagen benötigen zum Beispiel große Wassermengen. In trockenen Anbaugebieten müssen diese den umliegenden Regionen entzogen werden. Unser Konsumverhalten und Anspruch, jederzeit alles billig zu erhalten, ist ein großer Belastungsfaktor. „Wir nutzen die Böden der Welt, als wären sie unerschöpflich, und heben dabei von einem Konto ab, auf das wir nicht einzahlen“, warnt Weigelt. „Es braucht häufig mehrere tausend Jahre bis sich eine dünne Schicht fruchtbarer Oberboden bilden kann, aber nur eine Stunde starken Regens, um ihn zu verlieren. Böden sind in menschlichen Zeiträumen nicht erneuerbar“. 12) DW: Bodenerosion wird zur globalen Gefahr; Artikel vom 17.06.2017 13) Simplyscience: Desertifikation – Die Wüste wächst; Artikel vom 15.06.2016

IASS Potsdam: Let's talk about soil

 

 

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Fußnoten und Quellen:   [ + ]

Yolanda / earthlink

Nach meinem Bachelorabschluss in Ethnologie und einer Reise durch verschiedene Länder Mittelamerikas verbringe ich nun 10 Wochen bei earthlink. Hier möchte ich einen Beitrag zu ihrer entwicklungspolitischen Arbeit leisten und ein Berufsfeld und eine Masterausrichtung ausprobieren, die ich mir gut vorstellen kann.

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