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Chagos-Archipel im indischen Ozean: Großbritannien vertrieb Insel-Bewohner für amerikanische Militärbasis

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Ein Flugzeugträger der U.S. Navy an der Marinebasis in Diego Garcia. Ein Flugzeugträger der U.S. Navy an der Marinebasis in Diego Garcia. |  Bild: © USN [Public Domain]  - Wikimedia Commons

Ein Flugzeugträger der U.S. Navy an der Marinebasis in Diego Garcia. | Bild: © USN [Public Domain] - Wikimedia Commons

Chagos-Archipel im indischen Ozean: Großbritannien vertrieb Insel-Bewohner für amerikanische Militärbasis

Im Mai dieses Jahres sprachen sich die Vereinten Nationen (UNO) mehrheitlich dafür aus, dass Großbritannien den Chagos-Archipel im indischen Ozean an den Inselstaat Mauritius zurückgeben muss. Zwar hat diese Abstimmung symbolische Bedeutung und erhöht den internationalen Druck auf die britische Regierung, sie ist aber nicht völkerrechtlich bindend. Die Chagos-Inseln bildeten zusammen mit Mauritius lange Zeit eine britische Kolonie und sind heute das letzte britische Überseegebiet im indischen Ozean. 1968 wurde Mauritius in die Unabhängigkeit entlassen. Doch nur wenige Jahre zuvor spaltete Großbritannien den Chagos-Archipel vom Rest der Kolonie ab und verstieß so wissentlich gegen eine aktive Resolution der UNO, die genau solch einen Aufbruch von Kolonien verbot. 1) The Guardian: ‘I want to die on my native soil’: exiled Chagos Islanders dream of return; Artikel vom 07.06.2019 2) Die Presse: UN fordern Großbritannien zu Rückgabe des Chagos-Archipels an Mauritius auf; Artikel vom 23.05.2019 3) Süddeutsche Zeitung: Chagos-Archipel – Kolonialer Schandfleck; Veröffentlicht am 20.05.2019

Mit dieser Abspaltung verfolgten die Briten ein konkretes Ziel. Großbritannien hatte sich bereits 1966 mit den USA darauf verständigt, dass die Inselgruppe weiterhin unter britischer Kontrolle bleiben sollte, damit die Vereinigten Staaten dort einen Militärstützpunkt errichten konnten. Im Gegenzug dafür erließen die USA den Briten knapp 14 Millionen US-Dollar in ausstehenden Zahlungen für Raketenlieferungen. Zu diesem Zeitpunkt waren die Inseln jedoch schon lange nicht mehr unbewohnt. Seit der Archipel im 16. Jahrhundert von Portugal entdeckt wurde, siedelten sich dort laufend Menschen an, welche mit der Zeit ihre eigene Kultur und Sprache entwickelten. Nachdem das größte Atoll der Inselgruppe, Diego Garcia, an die USA verpachtet wurde, beschlossen die Briten die Zwangsumsiedelung aller knapp 1500 Chagossianer. 4) CNN: Is the United States about to lose control of its secretive Diego Garcia military base?; Artikel vom 11.03.2019 5) Die Presse: UN fordern Großbritannien zu Rückgabe des Chagos-Archipels an Mauritius auf; Artikel vom 23.05.2019 6) Süddeutsche Zeitung: Chagos-Archipel – Kolonialer Schandfleck; Veröffentlicht am 20.05.2019

Im Exil lebende Chagossianer  berichten, dass die Briten sie aufforderten, ihre Häuser zu verlassen und nach Mauritius oder auf die Seychellen umzusiedeln. Schiffe, welche die Bewohner der Chagos-Inseln regelmäßig versorgten, kamen immer seltener, so dass Lebensmittel und Medikamente knapp wurden. Chagossianern, die nach Mauritius reisten, um die dort bessere medizinische Versorgung in Anspruch zu nehmen, wurde die Rückfahrt nach Hause verweigert. So konnten zum Beispiel viele Frauen, welche ihre Kinder in Mauritius zur Welt brachten, nicht zu ihren Familien auf dem Chagos-Archipel zurückkehren. Die verbliebenen Bewohner waren schließlich so verzweifelt und unterversorgt, dass sie letzten Endes an Bord britischer Schiffe gingen, welche sie nach Mauritius oder zu den Seychellen brachten. Sie durften fast nichts mit an Bord nehmen und mussten all ihren Besitz zurücklassen. Ihre zurückgebliebenen Tiere wurden getötet und die Häuser dem Urwald überlassen. Die vertriebenen Chagossianer erhielten nach der Überfahrt kaum Unterstützung und viele von ihnen leben bis heute in Slums. Nach dem Leben auf den Chagos-Inseln, welches sie sich über Generationen hinweg aufgebaut hatten, besaßen sie plötzlich nichts mehr und hatten kaum Perspektiven für die Zukunft. Viele der Vertriebenen waren traumatisiert, entwickelten Depressionen oder wurden alkoholabhängig. 7) The Guardian: ‘It’s heartbreaking’: the Chagos Islanders forced into exile; Artikel vom 26.02.2019 8) CNN: Is the United States about to lose control of its secretive Diego Garcia military base?; Artikel vom 11.03.2019  9) Süddeutsche Zeitung: Chagos-Archipel – Kolonialer Schandfleck; Veröffentlicht am 20.05.2019

Sowohl die Abspaltung der Chagos-Inseln von Mauritius als auch die darauffolgende Vertreibung ihrer Bewohner wurden vom Internationalen Gerichtshof (IGH) aufs Schärfste verurteilt. Laut IGH-Präsident Yusuf basierte die damalige Teilung nicht auf der Entscheidung der Chagossianer und verletzte somit ihr Recht auf Selbstbestimmung. Die letzte Abstimmung der UNO bestätigt die Urteile des IGH. Trotz internationalen Drucks weigert sich Großbritannien weiterhin, das Gebiet zu räumen und verlängerte 2016 den Pachtvertrag mit den USA für Diego Garcia um weitere 20 Jahre. Karen Pierce, die ständige Vertreterin Großbritanniens bei der UNO, verteidigte dieses Vorgehen und lehnt die Entscheidung der Vereinten Nationen ab.  Pierce argumentiert, dass der gemeinsame Militärstützpunkt, auf welchem sich knapp 3000 US-Soldaten befinden, die Sicherheit im indischen Ozean garantiere und organisiertes Verbrechen und Piraterie eindämme. Was Pierce jedoch nicht erwähnte ist dass die Basis unter anderem eine Schlüsselrolle während der US-Invasionen des Iraks und Afghanistans spielte. Auch der Iran wäre mit den dort stationierten U-Booten, Langstrecken-Bombern und vermutlich auch Atomwaffen gut zu erreichen. Des Weiteren befindet sich auf der Basis auch ein Guantanamo-ähnliches Gefangenenlager, in welchem Inhaftierte in völliger Isolation verhört werden. Vielmehr als um die regionale Sicherheit geht es den USA mit ihrem Verbündeten Großbritannien darum, ihre strategisch wertvolle Stellung im indischen Ozean zu wahren – auch wenn dabei Menschenrechte mit Füßen getreten werden. 10) Quartz: Britain’s refusal to hand back Chagos Islands has echoes of colonial-era arrogance; Artikel vom 12.06.2019 11) GOV.UK: Resolution on the British Indian Ocean Territories; Veröffentlicht am22.05.2019 12) The Conversation: Chagos Islands: UN ruling calls time on shameful British colonialism but UK still resisting; Artikel vom 28.02.2019 13) Süddeutsche Zeitung: Wasserschaden bringt britische Regierung in Erklärungsnot; Artikel vom 10.07.2014 14) Hintergrund: Bunkerbrechende Bomben für einen Angriff auf den Iran?; Artikel vom 19.03.2010

Die im Exil lebenden Chagossianer und ihre Angehörigen leiden auch heute noch unter den Folgen der illegalen Vertreibung. Viele von ihnen versuchten der Armut in den Slums zu entkommen und zogen nach Großbritannien, welches sie nach ihrer Zwangsumsiedlung zu britischen Staatsbürgern machte. Doch auch dort bekommen sie bis heute kaum Unterstützung. Des Weiteren erhielten viele der in Mauritius oder auf den Seychellen geborenen Kinder der Chagossianer nicht automatisch die britische Staatsbürgerschaft. Auch im Ausland geborene Enkelkinder, welche oft im jungen Alter mit ihren Eltern nach Großbritannien auswanderten, müssen diese erst in einem langwierigen und kostspieligen Verfahren beantragen – ohne Garantie auf Erfolg. Es häufen sich Fälle, in denen junge Chagossianer der dritten Generation, welche fast ihr ganzes Leben in Großbritannien verbracht haben, nach Mauritius ausgewiesen werden. Ein Ort, der ihnen fremd ist und keine Perspektiven bietet, weit weg von ihrer Familie. Großbritannien raubte ihren Vorfahren auf brutale Weise ihre Heimat – nun weigert sich das Land ihnen die Chance auf eine bessere Zukunft zu geben. 15) The Guardian: UK threatens to deport grandchildren of evicted Chagossians; Artikel vom 02.10.2018 16) The Telegraph: Chagos Islanders treatment leads to fears of new Windrush scandal; Artikel vom 01.03.2019 17) New Internationalist: Next generation of Chagos exiles resists deportation; Artikel vom 16.07.2018

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Ich bin Studentin und pendle zwischen Deutschland und meiner Wahlheimat Litauen im Baltikum. Bei EarthLink möchte ich mich entwicklungspolitisch engagieren und Einblick in die Arbeit einer NGO erhalten.

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