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Ausverkauf der WHO bedroht Gesundheit von Menschen in Entwicklungsländern

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Sollte die "koordinierende internationale Gesundheitsorganisation" sein: Die WHO Sollte die "koordinierende internationale Gesundheitsorganisation" sein: Die WHO |  Bild: © United States Mission Geneva  [CC BY-ND 2.0]  - Flickr

Sollte die "koordinierende internationale Gesundheitsorganisation" sein: Die WHO | Bild: © United States Mission Geneva [CC BY-ND 2.0] - Flickr

Ausverkauf der WHO bedroht Gesundheit von Menschen in Entwicklungsländern

1978 setzte sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO) ein hehres Ziel. Auf der Konferenz von Alma-Ata wurde nichts Geringeres als „Gesundheit für Alle“ bis zum Jahr 2000 beschlossen. Erstmals wurde dabei der Begriff der Gesundheit nicht nur als eine rein medizinische Größe verstanden, sondern als etwas, das im Kern auch sozialer Natur ist. Gesundheit, so die Auffassung damals, beginnt in erster Linie bei der Herstellung von Lebensumständen, die die Grundlage für eine gesunde Entwicklung bildet. Leider muss man heute feststellen, dass dieses Ziel weitgehend gescheitert ist. Wegweisend dafür steht die Ebola-Epidemie 2014 in West-Afrika. Viele Menschen sind damals aus Angst vor einer Ansteckung aus ihrer Heimat geflüchtet. Zu oft jedoch ohne Erfolg, denn der Virus war weit verbreitet und über 11.000 Menschen starben in diesem und dem folgenden Jahr an der Krankheit, die sich jetzt vor allem in Ghana wieder vermehrt ausbreitet. Die WHO, deren von der UN angedachte Aufgabe es eigentlich ist, solche Fälle frühzeitig zu erkennen und die Kontrolle zu bewahren, musste später zugeben, dass sie unzureichend vorbereitet war. Was war passiert? 1) medico.de: Gesundheit für Alle; Artikel vom 27. Februar 2018 2)tagesspiegel.de: Vertrieben vom Virus; Artikel vom 25. September 2014 3)ärzteblatt.de: Ebola-Fallzahlen steigen weiter an; Artikel vom 12. Dezember 2018

In gewisser Weise ist auch die Weltgesundheitsorganisation erkrankt. Sie ist ähnlichen „Strukturreformen“ zum Opfer gefallen, die auch die afrikanischen Gesundheitssysteme in den 80er und 90er Jahren enorm beschädigt haben. Damals setzte der Internationale Währungsfonds und die Weltbank viele afrikanische Länder unter Druck, ihre schwächelnde Wirtschaft durch Privatisierung und Einsparungen auch im Sozial- und Gesundheitsbereich wieder anzukurbeln. In vielen Ländern des Kontinents hat sich die medizinische Infrastruktur seitdem verschlechtert, verglichen mit den steigenden Herausforderungen, die sich dort stellen. In Ghana zum Beispiel kommen gerade mal 6 Ärzte auf 100.000 Einwohner. Während der Globale Süden 92 Prozent der gesamten Krankheitslast auf der Erde trägt, kommen ihm gerade mal 16 Prozent der weltweiten Gesundheitsausgaben zu. 4) Deutsche Welle: Afrikas neue Schuldenkrise; Artikel vom 25. Oktober 2018 5) Welt-in-Zahlen: Ärzte je 1000 Einwohner; Stand 2019 6) medico.de: Perspektivlosigkeit und Armut; Artikel vom 24. Januar 2019

Die WHO, deren erklärte Aufgabe es seit Alma-Ata eigentlich ist, genau derartige Missstände zu identifizieren und zu Verbesserungen beizutragen, leidet jedoch unter der gleichen Logik der Einsparung und Privatisierung. Bis Mitte der 80er wurde sie als Teil der Vereinten Nationen und als zentrale, „koordinierende internationale Gesundheitsorganisation“ noch zum überwiegenden Teil durch die Pflichtbeiträge der Mitgliedsstaaten finanziert. Mit diesen Geldern konnten die Expert*innen der WHO frei darüber entscheiden, welche Projekte verfolgt werden sollten. Schrittweise wurden die Pflichtbeiträge jedoch eingefroren, das heißt nicht mehr an Inflation und eine sich verändernde Weltwirtschaft angepasst, mit dem Ergebnis, dass die Weltgesundheitsorganisation heute in etwa das gleiche Jahresbudget wie die Berliner Charité besitzt. Den Rest dieses sehr geringen Betrags musste sich die WHO seitdem immer mehr im privaten Sektor suchen. Zwar zahlen auch die Mitgliedsländer noch Geld, allerdings jetzt überwiegend in Form von freiwilligen Spenden. Der Unterschied ergibt sich dabei durch die abnehmende Autonomie der Gesundheitsorganisation: Private Spenden und Spenden der Mitgliedsländer sind projektgebunden, das heißt, die Themen- und Prioritätensetzung sind an die Interessen der Spender gekoppelt. Mittlerweile belaufen sich derartige Gelder auf 80 Prozent des Gesamtbudgets, wobei der Großteil aus westlichen Ländern kommt. Die Weltgesundheitsorganisation ist damit abhängig vom Geld und den Vorstellungen westlicher Länder und privater Organisationen. 7) medico.de: Im Würgegriff; Artikel vom 12. März 2018 8) tagesschau.de: Woher bekommt die WHO ihr Geld ?; Artikel vom 21. Mai 2018 9)Deutschlandfunk: Weltgesundheitsorganisation: „Eine Geisel potenter Geldgeber“; Artikel vom 18. Mai 2015 10) Navarro, V.: Assessment of the World Health Report 2000; Veröffentlicht am 4. November 2000

Im Ergebnis ist so auch die WHO zunehmend vom Ziel der „Gesundheit für alle“ abgekommen und hat das neoliberale Dogma einer marktoffenen und ergebnisorientierten Gesundheitspolitik weitgehend übernommen. Der Fokus liegt ganz klar auf der Bekämpfung von Symptomen und weniger auf den Ursachen dieser Symptome. Vor allem die Entwicklung von medizintechnischen Geräten und Medikamenten wie etwa Impfungsmitteln steht im Vordergrund. Denn die erfolgreiche Krankheitsbekämpfung durch derartige Innovationen lässt sich zahlenmäßig gut belegen und von der WHO und deren Spendern als Errungenschaft vermarkten. Und natürlich ist die Ausrottung einer Krankheit wie etwa der Polio absolut erfreulich. Allerdings geht der doch recht einseitige Kurs auf Kosten der allumfassenden Grundversorgung von Menschen. Diese setzt etwa den freien Zugang zu sauberem Trinkwasser, die Sicherstellung ausreichender Nahrungsversorgung, die Vermittlung von Wissen über gesunde Lebensweisen und den Ausbau medizinischer Infrastrukturen sowie die Ausbildung von medizinischem Personal voraus. All das sind Dinge, die den Ausbruch von Krankheiten wie etwa Ebola verhindern können und Gesundheit aktiv fördern. All das sind auch Dinge, die, wenn sie fehlen, mit dazu beitragen, dass sich Menschen dazu genötigt sehen, ihre Heimat zu verlassen. Die WHO könnte hier einen zentralen Beitrag leisten, indem sie Richtlinien vorgibt und konsequent verfolgt. Aber leider stehen die eigentlich nötigen Richtlinien häufig im Widerspruch zu den Zielen der Spender. 11) Navarro, V.: Assessment of the World Health Report 2000; Veröffentlicht am 4. November 2000 12) medico.de: Gesundheit für Alle; Artikel vom 27. Februar 2018 13) medico.de: Im Würgegriff; Artikel vom 12. März 2018

Denn vor allem private Geldgeber wie etwa die Bill-und-Melinda-Gates-Stiftung – der zweitgrößte Geldgeber der WHO – spenden nicht hauptsächlich Privatvermögen, sondern die Erträge aus anderen Investitionen. Darunter fallen dann auch Erlöse aus Unternehmen wie Nestlé, Coca-Cola, Alkohol- und Tabakfirmen sowie Pharma- und Ölkonzernen. Zwangsläufig entsteht so eine äußerst problematische Konstellation: Die WHO ist abhängig von Geldern aus Unternehmen, die rein ökonomisch gesehen eben kein Interesse daran haben, dass Menschen gesund leben oder – im Falle von Pharmaunternehmen – gar gesund bleiben. Will die WHO überhaupt aktiv werden, darf sie sich diesen Interessen nicht allzu lautstark entgegenstellen. 14) zeit.de: Der heimliche WHO-Chef heißt Bill Gates; Artikel vom 04. April 2017

Vor allem die reichen Industriestaaten müssen sich deshalb ihrer Verantwortung bewusst werden und sollten die Pflichtbeiträge an die WHO und andere Institutionen der UN wieder deutlich erhöhen, um so ihre Unabhängigkeit zu sichern. Denn eins muss völlig klar sein: Jeder Mensch hat das Recht auf ein gesundes Leben und Gesundheit darf nicht abhängig sein von der Logik der Märkte, dem Geld von reichen Gönnern und dem globalen Machtgefälle zwischen Nord und Süd.

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Fußnoten und Quellen:   [ + ]

Luis / earthlink

Ich bin der Luis und habe gerade meinen Bachelor in Soziologie an der LMU abgeschlossen. Bevor mich die Theorie im Herbst wieder einholt, wollte ich noch etwas den Münchner Frühling und Sommer genießen. Damit die Gedanken über Politik und Gesellschaft nicht nur an der Isar oder dem Kletterfelsen Ausdruck finden, bin ich hier und hoffe, ich werde noch einiges lernen.

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