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Syrien und Irak: Warum es falsch ist anzunehmen, dass der Islamische Staat besiegt sei

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Kampf gegen den IS Trotz der militärischen Erfolge ist der IS noch unbesiegt |  Bild: © Jakob Reimann [CC BY 2.0]  - flickr

Trotz der militärischen Erfolge ist der IS noch unbesiegt | Bild: © Jakob Reimann [CC BY 2.0] - flickr

Syrien und Irak: Warum es falsch ist anzunehmen, dass der Islamische Staat besiegt sei

Nach den großen militärischen Erfolgen gegen den Islamischen Staat im letzen Jahr hat die Berichterstattung über die Terrormiliz nachgelassen. Nun da die Rückeroberung eines Großteils der besetzten Gebiete gelungen ist und auch die Machtzentren Rakka und Mossul befreit werden konnten, scheinen die Extremisten endlich besiegt. Theoretisch steht einem Wideraufbau und der Rückkehr der Flüchtlinge also nichts mehr im Weg – theoretisch. Denn aktuelle Entwicklungen weisen immer stärker darauf hin, dass es trotz der militärischen Niederlage töricht wäre zu behaupten, dass der Islamische Staat der Vergangenheit angehöre. So gab es in den letzten Monaten vermehrt Anschläge in der Region, die eine Vielzahl von Todesopfern forderten. Für die Terroristen bedeuten die militärischen Niederlagen nur einen kleinen Rückschlag in ihrem Streben, ein weltumspannendes islamisches Kalifat zu errichten. Denn der Strategiewandel ist im vollen Gange. Weg von regulären Streitkräften – hin zu einer Guerillabewegung, die aus dem Untergrund agiert. Selbst der totgeglaubte Anführer Al Baghdadi hat sich wieder zu Wort gemeldet, indem er dazu aufruft, die Kämpfe auf brutale Weise fortzuführen. Ein weiterer Faktor, der die Stabilisierung der betroffenen Regionen erschwert – ein weiterer Grund für die verbliebenen Menschen, sich doch noch auf den Weg in ein sichereres Leben zu machen. 1) die-tagespost: Islamischer Staat: „Fernziel ist das Kalifat“; Artikel vom 21.08.2018 2) washingtonpost: Islamic State leader Baghdadi resurfaces, urges supporters to keep up the fight; Artikel vom 22.08.2018

Beispielhaft für eine erneute Eskalation vor Ort sind die Gewaltexzesse im Juli, welche die syrische Stadt Suweida trafen. Dort leben größtenteils Drusen, welche traditionell eine eigene Auslegung des Islam zelebrieren. Alles begann in einer friedlichen Nacht, als die Bewohner noch tief und fest in ihren Wohnungen schliefen. Unbemerkt von Sicherheitskräften und lange im Voraus geplant, infiltrierten dutzende IS-Kämpfer mehrere Wohnblocks und richteten ein Blutbad an. Zuerst wurden so viele „Ungläubige“ wie möglich in ihren Betten überrascht und niedergemetzelt. Daraufhin kamen bei belebten Versammlungen mehrere Selbstmordattentäter zum Einsatz. Durch den gleichzeitigen Angriff auf Sicherheitskräfte war eine Kontrolle der Lage kaum möglich. Bis durch militärische Gewalt wieder relative Ordnung hergestellt werden konnte, hat es lange gedauert – zu lange. So waren am Ende mehr als 240 zivile Todesopfer zu beklagen. Auch 50 IS-Angehörige kamen bei den Kämpfen ums Leben. Trotzdem war die Aktion für die Terrormiliz erfolgreich genug verlaufen – war eine „Bestrafung der Ungläubigen“ doch gelungen. 3) tagesspiegel: Wo der „Islamische Staat“ noch gefährlich ist; Artikel vom 27.07.2018

Schätzungen zufolge hat der Islamische Staat in Syrien und Irak noch ungefähr 20,000 bis 30,000 Kämpfer. Längst hat er auch wichtige Ausweichregionen infiltriert und besetzt. So wie Libyen mit bis zu 4000 Kämpfern und insbesondere Afghanistan. Dort schürt seine steigende Präsenz immer neue Konflikte speziell mit den Taliban. Die Konkurrenz beider Gruppen geht soweit, dass sie sich in der Brutalität ihrer Anschläge wie in einem Wettkampf zu messen scheinen. Dies wirft die internationalen Bemühungen, endlich Stabilität in dem Land zu erzeugen, noch weiter zurück. Auch im Nachbarland Pakistan wurde durch Attentate versucht den Wahlkampf zu stören. In Syrien gehen viele Soldaten derweil in ihre Dörfer zurück, wenn sie nicht über die Grenzen ziehen, um vorübergehend von der Bildfläche zu verschwinden. Die Türkei ist ebenfalls ein bevorzugter Ort, um unterzutauchen. Erst vor kurzem konnte dort durch Geheimdienstarbeit ein wichtiger Führungszirkel festgenommen werden. 4) stimme.de: Noch 20 000 bis 30 000 IS-Kämpfer in Syrien und Irak; Artikel vom 18.08.2018 5) sueddeutsche: Zurück in den Untergrund; Artikel vom 17.02.2018 6) tagesspiegel: Wo der „Islamische Staat“ noch gefährlich ist; Artikel vom 27.07.2018

Der Aufenthaltsort des selbsternannten Anführers Al Baghdadi bleibt jedoch unbekannt. Die Gerüchte, nach welchen er im Zuge eines Luftangriffes ums Leben gekommen sei, scheinen sich nicht zu bewahrheiten. In einer veröffentlichten Ansprache ruft er zu einer Weiterführung der Kämpfe auf. Die Bedeutung von Sieg oder Niederlage hängt für ihn nicht von dem Besitz einiger Städte und Dörfer ab – wichtiger ist die Weiterverbreitung und Aufrechterhaltung der Ideologie. Die jetzige Lage spielt seiner Ansicht nach deshalb kaum  eine Rolle – denn wie er sagt, ist „das Land Gottes groß und Kriegsverläufe ändern sich“. Das schlimmste wäre für Baghdadi im aktuellen Kontext, dass der Islamische Staat aus den Schlagzeilen gerät. Deshalb hat er sich wahrscheinlich nach einem Jahr Funkstille auch wieder gemeldet und ruft jetzt nicht nur zur Weiterführung der Kämpfe in Syrien und dem Irak, sondern auch zu neuen Anschlägen in Europa auf. 7) washingtonpost: Islamic State leader Baghdadi resurfaces, urges supporters to keep up the fight; Artikel vom 22.08.2018

Im Zuge der Konflikte in den letzten Jahren hat sich an vielen Orten der arabischen Welt ein machtpolitisches Vakuum gebildet. Dem aktuellen Trend zufolge werden diese Gebiete nicht weniger und bieten für ehemalige IS-Kämpfer wichtige Grundvoraussetzungen um unterzutauchen und sich zu reorganisieren. Jegliche Interventionen ausländischer Mächte haben der gesamten arabischen Welt umfassend geschadet und tun dies immer noch. So wurden hinter dem Deckmantel des Kampfes gegen die Terrororganisation oftmals nur eigene Interessen in der Region verfolgt. Durch die blinde Finanzierung und Ausstattung jeglicher Rebellengruppen zu Beginn des Konfliktes, landeten hunderte Waffen aus den USA, Russland und China im Konfliktherd. Einige Gruppen sympathisierten später mit dem IS oder traten ihm sogar bei. Nebenbei ließen die USA eine Vielzahl von Kriegsmaterial im Zuge des Irak-Krieges zurück, welches durch die Erfolge der Terroristen in ihre Hände fiel. Dabei fördern die Waffen nicht nur jetzige Konflikte. Funde von Waffen, die während des Zweiten Weltkrieges hergestellt wurden, sind ein Beweis dafür, dass sie von Konfliktgeneration zu Konfliktgeneration weitergegeben werden und durch ihre lange Haltbarkeit auch zukünftig weiter Benutzung finden. Deshalb ist es egal welche Seiten man ausrüstet – Waffenexporte sind der Garant für eine erhöhte Eskalation in der heutigen Zeit und der von morgen. 8) die-tagespost: Islamischer Staat: „Fernziel ist das Kalifat“; Artikel vom 21.08.2018 9) mema-watch: „Der Islamische Staat ist nicht tot, er reorganisiert sich“; Artikel vom 16.06.2018 10) nbcnews: ISIS weapons arsenal included some purchased by U.S. government; Artikel vom 14.12.2017

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Fußnoten und Quellen:   [ + ]

Lukas / earthlink

Ich bin Student und bin grade dabei meinen Bachelor in Politikwissenschaft und Soziologie abzuschließen. Während meines Studiums habe ich ein Semester im Ausland verbracht. Währenddessen habe ich mich aktiv mit Peace and Conflict studies beschäftigt. Um mich in diesem Kontext noch weiter zu informieren und selbst aktiv zu werden, habe ich mich für ein Praktikum bei earthlink entschieden.

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