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Somalia an der Schwelle zur humanitären Krise – EU-Fischerei trägt Mitverantwortung

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Fische auf einem Markt in Somalia Fischfang stellte eine wichtige Einnahmequelle und Nahrungssicherung dar. |  Bild: ©  AMISOM Public Information [CC0 1.0]  - Flickr

Fischfang stellte eine wichtige Einnahmequelle und Nahrungssicherung dar. | Bild: © AMISOM Public Information [CC0 1.0] - Flickr

Somalia an der Schwelle zur humanitären Krise – EU-Fischerei trägt Mitverantwortung

In Somalia hat sich die Lage nicht verbessert. Schon seit Monaten warnt die Welthungerhilfe vor einer neuen Dürre – die letzte 2011 hatte 260.000 Opfer gefordert. Trotzdem wurden nicht genug Gelder zur Verfügung gestellt. Schon Anfang des Monats war die Lage kritisch (siehe Artikel vom 08.06.). Seitdem hat sie sich drastisch verschlimmert. Aktion gegen den Hunger beklagt einen Anstieg von unter Fünfjährigen, die in ihr Ernährungsprogramm kommen. Die Aufnahmerate habe sich seit Anfang des Jahres mehr als verdoppelt. Sie fordern mehr Geld von der internationalen Gemeinschaft. Bislang wurden nur 37 Prozent der benötigten finanziellen Mittel bereitgestellt 1) Aktion gegen den Hunger: Somalia: Schwelle zum humanitären Notfall  überschritten –Hilfsorganisationen müssen Leistungen wegen Geldmangels kürzen; Artikel vom 22.06.17 2) Spiegel: 258.000 Menschen sterben bei Hungerkatastrophe; Artikel vom 02.05.13 3) Zdf heute: Dürre in Ostafrika: „Man hätte es wissen müssen“; nicht mehr verfügbar .

Es gibt jedoch noch einen weiteren Faktor, der die Lage der Menschen verschlimmert hat. Normalerweise könnte sich die Bevölkerung in Zeiten von Dürre mit Fischfang helfen. Seitdem 1991 der Diktator gestürzt wurde, hat sich keine neue Regierung gebildet, sondern viele Warlords haben das Land unter sich aufgeteilt. Viele verkauften Fischereilizenzen nach Europa oder Asien. Europäischen Fischern war dies ein Freischein, die somalischen Gewässer zu leeren. Standards gab es kaum – und wenn, wurden sie unzureichend kontrolliert. Zudem profitieren ausländische Fischereien vom Fehlen der staatlichen Strukturen und der deswegen nicht vorhandenen Küstenwache. Zwischen 700 und 800 illegale Fangschiffe rauben jährlich Fische im Wert von einer Milliarde US-Dollar. Dabei setzen sie die nationalen Fischer unter Druck. Den Fischern die Beute zu rauben, zählt noch zu den harmloseren Vergehen. Sie rammen die kleinen Boote, versuchen sie zu zerstören und scheuen sich nicht, direkt zu schießen. Die Fischer mussten deswegen schon erste Todesopfer beklagen. Die hoffnungslose Überfischung – denn natürlich scheren die Fischereien sich hauptsächlich um ihren Profit und nicht um nachhaltigen Fischfang – bedroht die Existenz der Menschen, die sich noch aufs Meer hinauswagen. Außerdem ist es die Lebensgrundlage für die meisten in der Region. Da diese nicht mehr gegeben ist, werden viele Menschen aus Verzweiflung Piraten und greifen die illegalen Boote an 4) Taz: Europas Interessen in Somalia; Artikel vom 01.10.08 5) AG Friedensforschung: Schmutzige Geschäfte vor Somalia; Artikel vom 28.02.09 6) Handelsblatt: Somalier kehren zur Piraterie zurück; Artikel vom 19.03.17 7) Deutschlandfunk: „Das Geschäft ist sehr riskant geworden“; Artikel vom 26.11.16 8) Deutschlandfunk: Wie illegaler Fischfang die Piraterie befeuert; Artikel vom 02.01.16

2008 beschloss die EU die Militäroperation Atlanta, die die Piraten vor der somalischen Küste vertreiben soll. Auch humanitäre Hilfstransporte sollten geschützt werden. Nach UN-Angaben waren zu dem Zeitpunkt 2,4 Millionen Somalier auf diese internationalen Lebensmittel angewiesen. Die AG Friedensforschung analysierte jedoch, dass jene Hilfen den Verlust des Fischfangs nicht ausgleichen konnten. Der wohl wichtigste Grund für das Eingreifen war wahrscheinlich der Schutz europäischer Fischereiinteressen. Von 55 Schiffen waren 40 bereits von den Piraten angegriffen worden, jene zogen sich für die Zeit aus den Gewässern zurück. Internationale Kriegsschiffe patrouillierten vor der Küste Somalias. Durch den Militäreinsatz ging die Zahl der Überfälle langsam zurück, bis sie 2015 fast komplett zum Erliegen kam. Dadurch profitierte die illegale Fischerei, weswegen die somalische Bevölkerung weiterlitt. Seit diesem Jahr gibt es wieder mehr Angriffe. Sie übernehmen die Schiffe und fordern Lösegeld für die Freilassung. Schuld daran ist die aktuelle Dürre 9) Deutschlandfunk: „Das Geschäft ist sehr riskant geworden“; Artikel vom 26.11.16 10) AG Friedensforschung: Schmutzige Geschäfte vor Somalia; Artikel vom 28.02.09 11) Taz: Europas Interessen in Somalia; Artikel vom 01.10.08 .

Ärzte ohne Grenzen unterstützen das Ernährungsprogramm seit Mai im Regionalkrankenhaus  im zentralsomalischen Mudug. Seit Juni unterstützen sie auch die Kinderstation. Insgesamt haben sie schon 350 Kinder unter fünf Jahren wegen Mangelernährung behandelt. Täglich werden es etwa zehn mehr.  Die WHO definiert einen humanitären Notfall als dann gegeben, wenn 15 Prozent der Bevölkerung mangelernährt sind. In Somalia ist diese Schwelle überschritten. Jedes siebte Kind stirbt vor dem fünften Lebensjahr. Aktion gegen den Hunger befürchtet, dass dieser Wert sich erhöhen wird, sofern nicht genug Gelder bereitgestellt werden. Aber auch so ist die Lage dramatisch genug. Über 1,8 Millionen Menschen fliehen vor dem Hunger. Das ist jeder sechste! 12) Ärzte ohne Grenzen: Rückkehr nach Somalia: Medizinische Hilfe für mangelernährte Kinder; Artikel vom 23.06.17 13) Aktion gegen den Hunger: Somalia: Schwelle zum humanitären Notfall  überschritten –Hilfsorganisationen müssen Leistungen wegen Geldmangels kürzen; Artikel vom 22.06.17 .

Die internationale Gemeinschaft muss endlich genügend Gelder bereitstellen, damit ein Massensterben verhindert werden kann.

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