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Nigeria: 50 Jahre nach Völkermord in Biafra eskaliert Gewalt erneut

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Unterernährte Frau Eine Unterernährte Frau nahe der Biafra-Kriegszone |  Bild: © CDC [gemeinfrei]  - Wikimedia Commons

Eine Unterernährte Frau nahe der Biafra-Kriegszone | Bild: © CDC [gemeinfrei] - Wikimedia Commons

Nigeria: 50 Jahre nach Völkermord in Biafra eskaliert Gewalt erneut

Der Völkermord in Biafra ist fünfzig Jahre her. Wer meint, es sei Ruhe eingekehrt, liegt falsch. Denn es besteht die Gefahr einer erneuten Eskalation der Gewalt im Südosten Nigerias. Davor warnte die Gesellschaft für bedrohte Völker in einem 75-seitigen neuen Menschenrechtsreport, in dem sie auch die Erschießung von 180 Unterstützern von Pro-Biafra-Bewegungen und die Festnahme von über tausend Aktivisten seit 2015 dokumentiert. 1) Epo.de: Neuer Report dokumentiert erneute Eskalation der Gewalt im Südosten Nigerias; Artikel vom 30.05.17

Damals verloren Millionen Menschen ihr Leben und der Begriff „Biafra-Kind“ wurde zum Symbolbild von Hunger und Leid in der „Dritten Welt“. Doch was waren die Ursachen des grausamen Biafra-Krieges? Hierfür muss man weit in die Kolonialzeit zurückblicken. Unter den britischen Kolonialherren lebten viele verschiedene Volksgruppen in Nigeria: die muslimisch geprägten Haussa und die Hirten der Fulani im Norden, die Yoruba in städtischen Königreichen im Westen, sowie die christlichen Bauern der Igbo im Osten, die ohne Städte und Anführer in einer Art anarchischen Demokratie lebten. Nach dem Zweiten Weltkrieg formierte sich eine Unabhängigkeitsbewegung in der Kolonie und die Briten erkannten, dass sie das Land modernisieren mussten. Sie zogen die christlichen Igbo zur neuen Elite heran und förderten ihre Bildung und ihren Wohlstand. Als sie Nigeria 1960 in die Unabhängigkeit entließen, vertiefte sich die Konkurrenz zwischen den Ethnien und Religionen. Sechs Jahre später putschten sich Igbo-Offiziere an die Macht und brachten einige Anführer der Haussa um. Wenig später kam es zum Gegenputsch, 30.000 Menschen starben. Die Zentralregierung verhängte eine Versorgungsblockade gegen die Provinz. Aushungerung der Bevölkerung als Kriegswaffe  – die Folge: extreme Armut und Hungersnot. Mindestens eine Million Menschen starben, darunter zahlreiche Kinder. 1970 musste Biafra kapitulieren und wurde wieder in den nigerianischen Staat eingegliedert. 2) Zeit Online: Als die Hoffnung starb; Artikel vom 28.04.16 3) Deutschlandfunk: Biafra erklärt seine Unabhängigkeit von Nigeria; Artikel vom 30.05.17

Die Hilfsappelle damals, die die Biafra an die Welt herausriefen, fanden ein großes Echo. Priester, Ärzte und Aktivisten machten sich auf den Weg. Es war die Geburtsstunde von Organisationen wie Ärzte ohne Grenzen. Die USA und die UN entschieden sich gegen eine Intervention, Frankreich hingegen unterstützte das Projekt eines unabhängigen Biafras. Selbst nach dem offiziellen Embargo 1968 organisierte die Grande Nation Waffenlieferungen und verlängerte den Krieg damit. Hintergrund für das Eingreifen der ehemaligen Kolonialmacht war ein enormes Interesse an den Erdölvorkommen in Biafra und die Angst, dass Nigeria, sollte es vereint und wirtschaftlich erfolgreich sein, die schwachen  französischsprachigen Staaten in den Schatten stellen und so die Machtverhältnisse in Westafrika zum Nachteil der Franzosen verändern könnte. 4) Deutschlandfunk: Biafra erklärt seine Unabhängigkeit von Nigeria; Artikel vom 30.05.17  

50 Jahre nach Beginn des Völkermords nehmen Spannungen und Gewalt im Südosten Nigerias wieder zu. Schwere Menschenrechtsverletzungen und die massive Zunahme von Übergriffen von Fulani-Nomaden drohen die Region in einen Bürgerkrieg zu stürzen. Dies ist auch eine Folge dessen, dass der Genozid an den Biafra durch die nigerianische Staatsführung immer wieder tabuisiert wurde. Anstatt sich um eine politische Lösung des Biafra-Konflikts zu kümmern, wurden die Belange der Biafra stets ignoriert, wodurch die Politik der Marginalisierung und Diskriminierung des Südostens fortgesetzt wurde. Ein weiteres Problem zeigt sich darin, dass die Regierung die Biafra-Frage nicht als politisches, sondern sicherheitstechnisches Problem ansieht und somit statt auf Konversation mit politischen Repräsentanten und NGOs auf massive und exzessive Gewalt setzt. Befürwortern und Aktivisten werden grundlegende Bürgerrechte wie Meinungs-und Versammlungsfreiheit verweigert. Sie werden willkürlich verhaftet, entführt oder gar erschossen. Dokumentiert wurden die Festnahmen von 1244 Aktivisten, man geht jedoch davon aus, dass die Dunkelziffer weitaus höher ist. Manche Gefangenen werden monate- oder jahrelang ohne ein faires Gerichtsverfahren in Haft gehalten. Sicherheitskräfte, die friedliche Versammlungen oder Demonstrationen von Pro-Biafra-Organisationen gewaltsam auflösen, nehmen den Tod von sämtlichen Zivilisten einfach hin. Zudem wird regelmäßig versucht, die Spuren der Gewaltanwendung zu verwischen und Beweise zu vernichten. Eine weitere Problematik stellt die Eskalation des Fulani-Konflikts dar. Der Streit zwischen Fulani-Hirten und den in den Regionen ansässigen Bauern hat im Jahr 2016 mehr Menschen das Leben gekostet als der Boko-Haram-Konflikt. Viele Menschen wurden ihrer Lebensgrundlage beraubt. Der Klimawandel, Bevölkerungswachstum und schwindende Ressourcen verschärfen den Konflikt. Verschiedene ethnische Gruppen fürchten um den Schutz ihrer Rechte und ihrer Existenz. 5) GfbV: 50 Jahre nach dem Völkermord in Biafra – Gewalt in Nigeria nimmt wieder zu; Report vom Mai 17

Nigeria ist mit 190 Millionen das afrikanische Land mit der höchsten Einwohnerzahl und durch den Export von Erdöl– neben Südafrika – auch mit dem höchsten Bruttoinlandsprodukt. Trotzdem leben 60 Prozent der Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze. 6) Amnesty International: Nigeria; Stand vom 31.05.2019 Nigeria ist heute gekennzeichnet durch Korruption und eine Regierung, die an einer Lösung des Konflikts desinteressiert scheint. Und das, obwohl es gerade jetzt wichtig wäre, sich um Fortschritte zu bemühen. Die Gesellschaft für bedrohte Völker empfiehlt der Regierung mehrere Maßnahmen, die sie in ihrem neuen Menschenrechtsreport aufzeigen. Beispiele hierfür sind die Respektierung der Menschenrechte, das Beenden der Übergriffe auf Aktivisten, Schutz der bäuerlichen Bevölkerung und die Förderung von Verständigung und Versöhnung zwischen verfeindeten ethnischen Gruppen. 7) GfbV: 50 Jahre nach dem Völkermord in Biafra – Gewalt in Nigeria nimmt wieder zu; Report vom Mai 17

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Fußnoten und Quellen:   [ + ]

Chiara / earthlink

Drei Jahre ist mein Abitur jetzt her - was ich genau machen möchte, weiß ich immer noch nicht, die Orientierungsphase läuft weiter. Was ich sicher weiß, ist, dass ich mich für Menschenrechte und deren Aufklärung einsetzen will - und hoffe, dass Earthlink mir dafür eine Möglichkeit bietet.

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