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Viktoriasee: Die Lebensgrundlage von Hunderttausenden

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Fischfang am Viktoriasee Fischfang am Viktoriasee |  Bild: © Adam Jones, Ph.D. [CC BY-SA 3.0]  - Wikimedia Commons

Fischfang am Viktoriasee | Bild: © Adam Jones, Ph.D. [CC BY-SA 3.0] - Wikimedia Commons

Viktoriasee: Die Lebensgrundlage von Hunderttausenden

Man möchte meinen, die westliche Welt mischt sich nur beim Fischfang vor Afrikas Küsten ein. Wie so oft, geht dies jedoch weit darüber hinaus. Es ist keinen Deut besser im Inland. Der Viktoriasee ist der größte Süßwassersee Afrikas, fast so groß wie das Bundesland Bayern. Nach Schätzungen leben mehr als 30 Millionen Menschen in diesem Gebiet. Der See liegt in drei Staaten: Tansania, Uganda und Kenia. 1)Wikipedia: Viktoriasee – Stand: 10.02.2016

Was früher die Nahrungsquelle der Einheimischen war, leidet heute auch unter der Globalisierung und den westlichen Konsumenten. Angefangen hat es mit der Aussetzung des Nilbarsches in der späteren Mitte des 20. Jahrhunderts. Heute im Alltag und auf dem Fischmarkt unter dem Namen „Viktoriabarsch“ bekannt. Kurz nach seiner Aussetzung vermehrte sich der Raubfisch kontinuierlich. Grund dafür war die reiche Auswahl an Beute und die fehlende Existenz eines natürlichen Feindes. Nachdem die einheimischen Fische fast vollkommen verschwunden waren, wurde der Barsch als neue Nahrungsquelle verwendet. Nicht lange musste man warten, da entdeckten die westlichen Menschen den schmackhaften Fisch.

Die Reportage „Darwin‘s Nightmare“ von 2004 zeigt das schreckliche Nebengeschehen der Produktionskette auf. Zu jener Zeit aßen um die zwei Millionen westliche Konsumenten täglich Viktoriabarsch. Mwanza ist eine Stadt im Süden des Viktoriasees in Tansania. Sie ist einer der Hauptweiterverarbeitungsplätze für die Fischfiletproduktion. Angefangen mit den Fliegern aus Osteuropa. Auf dem Hinflug sind diese mit Waffen, Munition oder Fahrzeugen beladen. Der schlecht gesicherte Flugplatz ist optimal für ein solches Vorhaben. Von dort werden die Waren in die benachbarten Länder gebracht, wie beispielsweise in die Demokratische Republik Kongo. Während die Piloten auf die Beladung warten, vergnügen sie sich anderweitig. Manchmal werden die Maschinen so stark überbeladen, dass sie kurz nach dem Start abstürzen. Todesfälle gab es dabei wohl nicht. Mwanza produziert an einem Tag 5.000 Tonnen Fisch, Minimum. Dabei entsteht ein Haufen Reste, die an die Bevölkerung gehen. Neben dem Kopf sind nur noch Haut und Gräten vorhanden. Durch die westliche Nachfrage ist der Preis zu hoch, um von der lokalen Bevölkerung überhaupt bezahlt werden zu können. Während der Fisch ausschließlich zum Export verwendet wird, hungern die Menschen.

Durch Hunger getrieben, prügeln sich die Straßenkinder um den letzten Rest Essen – es ist trotzdem zu wenig. Um den Hunger zu stillen, wird zu Drogen gegriffen. Alkohol oder Marihuana sind viel zu teuer. Die Alternative ist Klebstoff. Billig und einfach herzustellen. Die Grundbasis ist schnell vorhanden: Plastik, das durch die Produktion zu Hauf herumliegt. Der Klebstoff wird geschnüffelt und stillt den Hunger, nebenbei führt er zu einem tiefen Schlaf, was auf der Straße nicht so leicht ist.
2)YouTube: Darwins Alptraum – Stand: 10.02.2016

Die Fischer verteilen den gefangenen Fisch an die Marktfrauen, die diesen weiter an Mittelsmänner geben. Dann landet er in den Fabriken von Kisumu, Kenia. Doch der Preis hat zwei Seiten: Während der Fisch vor Ort gegen Geld getauscht wird, wird der eigentliche Preis erst spät am Abend beglichen – in Form von Geschlechtsverkehr. Dieses Prinzip wird auch „Sex for Fish“ genannt. Wer seine „Kontakte“ pflegt, bekommt einen Anteil vom Fang, wer nicht, geht leer aus. Durch dieses Prinzip ist auch die HIV-Rate vier Mal so hoch wie im restlichen Kenia. 3)Spiegel: Ausbeutung in Kenia: Für eine Tüte voll Fisch – Stand: 10.02.2016

Mehr als 150.000 Fischerfamilien in Tansania, Kenia und Uganda – rund um den Viktoriasee – leben vom Verkauf des Viktoriabarschs. Die Europäische Union importiert jährlich 40.000 bis 60.000 Tonnen. Ein beachtlicher Anteil, wenn man bedenkt, dass Tansania nur insgesamt 200.000 Tonnen pro Jahr exportiert. Die Europäer hatten somit eine Möglichkeit, dagegen vorzugehen. 4)arte: Die Situation heute: Katastrophe oder Chance? – nicht mehr verfügbar Es wurden sogar schon Projekte gestartet, um diese Missstände aufzuheben. Die Metro wirbt etwa mit nachhaltiger Fischerei in Tansania. Auch werden weitere Projekte von Naturland gestützt. 5)Naturland: Fischereiprojekte am Viktoriasee – nicht mehr verfügbar

Doch solche Vorzeigeprojekte sind Einzelfälle am See. Einer der ertragreichsten Fischgründe, ist die Insel Migingo. Mit weniger als einem Viertel Hektar ist sie kleiner als ein halbes Fußballfeld. Dennoch leben und arbeiten 2.000 Menschen auf Migingo. Das Eiland hätte fast einen Krieg zwischen den Anrainerstaaten Uganda und Kenia ausgelöst. Denn die Insel erschien erst nach der Grenzsetzung, und zwar durch den sinkenden Seespiegel. Der Ertrag ist so enorm, dass Uganda sogar drei Soldaten und ein Dutzend Polizisten auf der Insel einquartiert hat, auch um die gehisste Nationalflagge zu schützen. 6) Taz: Lukrativer Export: Der Victoriabarsch entzweit Ostafrika – Stand: 10.02.2016 7) Die Zeit: Fels der Gier – Stand: 10.02.2016
Zu den Fischbeständen gibt es kaum aktuelle Statistiken. Wenn man dem Handelsblatt Glauben schenkt, ist die Verarbeitung der Süßwasserfische von 500.000 Tonnen in 2007 auf 223.000 Tonnen Ende 2013 zurückgegangen. 8) Handelsblatt: Der langsame Tod des Viktoriasees – Stand: 10.02.2016

Ein Grund für diesen Rückgang ist die Überfischung, ein weiterer ist die eingeschleppte Wasserhyazinthe. Ursprünglich zur Verschönerung der Teiche gedacht, gelangte sie durch Abflüsse in den See. Dort breitete sie sich explosionsartig aus. Sie beeinträchtig nicht nur die Schifffahrt, sondern ist auch eine Brutstätte für Malariafliegen und Bilharziose-Erreger. Die Pflanze entzieht auch dem Wasser Sauerstoff und kann somit ein Fischsterben auslösen. Um das zu bekämpfen, setzte man einen Käfer aus. Der Bestand der Wasserhyazinthe ging um 90 Prozent zurück. Trotzdem kommen immer wieder riesige Flächen aus Zuflüssen in den See, so dass der Mensch auch mit Maschinen eingreifen musste. Bis jetzt zeigt die Aussetzung noch keine Nebeneffekte. 9) Süddeutsche Zeitung: Darwins Badewanne läuft aus – Stand: 10.02.2016

Doch nun ist ein ganz anderer Feind aufgetaucht. Ein Feind für Mensch, Fisch und Pflanze – die Erderwärmung. Im Durchschnitt sind die Temperaturen der afrikanischen Seen kaum gestiegen. Im Viktoriasee um gerade einmal 0,3 Grad. Doch Forscher warnen, dies leichtfertig hinzunehmen, denn wie bereits erwähnt, dienen die Seen vielen Millionen Menschen als Lebensgrundlage. Algen fühlen sich in warmen Gewässern enorm wohl. Genau wie die Wasserhyazinthe entziehen sie dem Wasser Sauerstoff. Die Algenpopulation könnte um 20 Prozent im nächsten Jahrhundert zunehmen. Die Seen würden somit vier Prozent mehr Methan freisetzen. Methan hat einen wesentlich größeren Einfluss auf das Klima als Kohlendioxid. 10) Spiegel: Weltweite Analyse: Klimawandel heizt Seen auf – auch in Deutschland – Stand: 10.02.2016 Auch verdunstet mehr Wasser als der See, ob durch Niederschlag und Zuflüsse, zurückbekommt. Das wirkt sich langsam aber kontinuierlich auf den Seespiegel aus. 11) Süddeutsche Zeitung: Darwins Badewanne läuft aus – Stand: 10.02.2016

Wenn sich also am Streben gegen die Erderwärmung nichts ändert, wird die Lebensgrundlage von Hunderttausenden von Menschen in der Seeregion zerstört.

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Fußnoten und Quellen:   [ + ]

Christian
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